Bitcoin – Währung 2.0 oder sinnloser Hype?

14. Juni 2011

Kürzlich berichteten mehrere große Nachrichtenportale (Spiegel, FTD, Golem und weitere) über den rasanten Zuwachs, den der „Bitcoin“ in letzter Zeit verbuchen konnte. Was ist dran am Hype um diese neue Währung, die von ihrer Wirkung auf das Bankwesen mit dem Verhältnis von MP3 zur Musikindustrie oder von Blogs zum Zeitungsmarkt verglichen wird?

Wie funktioniert Bitcoin?

Vor zwei Jahren veröffentliche Satoshi Nakamoto (vermutlich ein Alias) einen Artikel zu einer neuartigen Form von Geld, das sowohl online als auch am Point-of-Sale überall auf der Welt genutzt werden sollte. Bitcoins sind ein dezentrales, rein digitales Zahlungsmittel, ein Bitcoin besteht im Grunde aus einer Folge von 256 Bits, die bestimmte Kriterien erfüllen muss, um als gültig akzeptiert zu werden. Es gibt keine Münzen oder Scheine, somit sind Bitcoins reines Buchgeld. Allerdings trifft das auch auf die meisten Euros oder Dollars zu, die inzwischen nur noch als digitale Ziffern auf Bankrechnern verfügbar sind. Bei Bitcoin heißt das Prinzip: „Du bist ein Teil der Bank!“ Jeder Teilnehmer am Bitcoin-System verwaltet im Peer-to-Peer-Verfahren eine vollständige Kopie der gesamten Bitcoin-Buchhaltung, die in sogenannten „Blöcken“ organisiert ist. Aktuell gibt es über 130.000 solcher Blöcke, die je nach Anzahl der enthaltenen Transaktion mehrere Kilobytes bis wenige Megabytes groß sind. Verschlüsselungs- und Prüfungsverfahren stellen sicher, dass niemand unbemerkt „die Bücher“ manipulieren kann. Erst wenn viele Teilnehmer am Netz eine Überweisung verifizieren, gilt sie als getätigt. Dieses Prinzip geht davon aus, dass die meisten Teilnehmer „ehrlich“ sind, also keine manipulativen Absichten haben. Da die meisten Benutzer eigenes Geld in Bitcoins investiert haben, sind diese daran interessiert, das System stabil zu halten und deshalb ehrlich zu agieren. Einem Angreifer wird es dadurch sehr schwer gemacht, Transaktionen zu fälschen. Ohnehin könnte er nur seine zuletzt getätigten Zahlungen löschen und damit einige Bitcoins doppelt ausgeben, sofern er dafür direkt Ware oder andere Währungen erhalten hat.

Der WDR hat kürzlich einen interessanten Beitrag über Online-Zahlungsverfahren in der „Aktuellen Stunde“ gebracht, ab Minute 2 geht es um Bitcoins. Ein (englischsprachiges) Video erklärt die Funktionsweise ebenfalls einfach und anschaulich:

So ganz neu ist das Konzept des Onlinegeldes nicht. Gamer kennen schon länger Linden Dollars oder WoW Gold, mit denen in einer Spielewelt bestimmte Gegenstände gekauft werden können und die auch auf eBay und anderen Plattformen gehandelt werden. Erst kürzlich wurde bekannt, dass Strafgefangene in China tagsüber im Kohlebergwerk schuften und des nachts vor dem PC in „World of Worcraft“ Gold erwirtschaften mussten, welches die Wärter dann gewinnbringend verkauften. Bitcoins dagegen sind nicht an eine bestimmte Online-Spielewelt gebunden sondern können mit jedem PC oder Smartphone verwaltet und gehandelt werden. Des Weiteren sollen sich damit vor allem physische Güter und Dienstleistungen erwerben lassen, die heute mit Kreditkarte oder per Lastschrift bezahlt werden. Diese Systeme sind aber mit Gebühren belegt, die von einigen wenigen Unternehmen festgelegt werden. Bei einer Überweisung per Bitcoin fallen nur Gebühren an, wenn man ihr eine höhere Priorität geben möchte. Bei der aktuellen Netzlast ist dies aber vielfach gar nicht nötig. Darüber hinaus entfällt mit einer Währung, die alle nutzen, der Transfer zwischen Währungen zunächst. Wenn ein Käufer aus Europa in einem Onlinestore aus den USA einkaufen möchte, so kann er dies mit seinen Bitcoins tun, die er günstig gegen Euros erworben hat, ohne eine Umtauschgebühr zu zahlen.

Wie nutze ich Bitcoin?

Kostenlose Bitcoins gibt es schon seit einiger Zeit leider nicht mehr. Wenn man Bitcoins erwerben möchte, sollte man dies am besten auf einem der großen Handelsplätze tun. Die Voraussetzung zur Nutzung ist der Bitcoin-Client. Direkt nach der Installation erhält man eine kryptische Adresse, mit der man Geschäfte tätigen kann. Es lassen sich beliebig viele weitere Adressen erstellen zur Wahrung der Anonymität oder um bestimmte Tätigkeiten zu trennen. In der Software kann man dann Überweisungen an andere Nutzer vornehmen und den Status seiner Transaktionen (unbestätigt / bestätigt) einsehen.

Sind Bitcoins sicher?

Vom rein technischen Standpunkt hängt die Sicherheit der Bitcoin-Wirtschaft nur davon ab, ob es genügend ehrliche Teilnehmer gibt, so dass unehrliche Angreifer keine Manipulationen durchführen können. Bei einer Rechenleistung, die gegenwärtig bereits die gesamte Rechenkapazität der Top 500 zusammengenommen übersteigt, scheint dies gewährleistet. Darüber hinaus wird durch ähnliche Verschlüsselungs- und Verifikationssysteme, wie sie auch von Banken eingesetzt werden, die Integrität und Sicherheit aller Zahlungen gesichert.

Allerdings gibt es bei der derzeitigen Lage sowohl Spekulanten, die den Preis tagesweise um 30% fallen lassen, um ihn später wieder hochzutreiben und davon zu profitieren, als auch reihenweise Betrüger und Hacker, die ahnungslosen Neulingen die Bitcoins aus der Tasche ziehen wollen. Angefangen von Bitcoin-Verkäufen, die per PayPal oder Kreditkarte bezahlt werden und danach die Zahlung widerrufen wird bis hin zu dem Diebstahl der sogenannten „Wallet“-Datei, in der alle Schlüssel liegen mit denen das eigene Geld verwaltet werden kann. PayPal hat daher bereits einige Konten gesperrt und droht jedem, der mit Bitcoins handelt, mit Ausschluss und dem Einzug seiner bis dahin erwirtschafteten Umsätze. Auch einige Pyramidensysteme („gib mir einen Bitcoin und ich geb dir später 10 zurück!“) haben sich schon gebildet. Eine gesunde Vorsicht gegenüber großartigen Versprechungen und ein sicherer PC sind selbstverständlich auch bei Geschäften mit Bitcoin notwendig.

Wie „entstehen“ Bitcoins?

Bitcoins werden von sogenannten „Minern“ (engl. Bergarbeiter) erzeugt, die die Rechenkraft ihrer Grafikkarte (oder anderer geeigneter Hardware) einsetzen, um gültige Blöcke zu berechnen. Dabei sorgt ein in den Algorithmus eingebauter flexibler Schwierigkeitsgrad dafür, dass ungefähr alle 10 Minuten ein Block generiert wird. In diesen Block fließen alle bis dahin gesammelten Transaktionen ein und werden an alle Teilnehmer des Netzwerks im Peer-to-Peer-Verfahren gesendet. Zur Belohnung erhält der Finder des Blocks eine Prämie in Höhe von derzeit 50 BTC. Zusätzlich erhält er noch die Transaktionsgebühren, die aber zur Zeit noch einen verschwindend geringen Anteil ausmachen. Die Menge an Bitcoins ist fest auf 21 Mio. begrenzt, bereits 6,5 Mio. sind berechnet. Das Ziel ist, dass der Anteil der Transaktionsgebühren immer weiter steigt, damit sich das „minen“ auch nach dem Erreichen der Grenze lohnt. Denn nur durch die Generierung von Blöcken wird das Netzwerk am Leben gehalten.

Da es sich nicht mehr lohnt, alleine („Solo Mining“) auf Bitcoin-Jagd zu gehen, haben sich viele in Pools zusammengeschlossen, die gemeinsam an einem Block rechnen und den Gewinn unter sich aufteilen. Vieles erinnert dabei an den Goldrausch, der Mitte des 19. Jahrhunderts die USA erfasste. Ein Miner bekam bereits Besuch von der Polizei, weil sein Stromverbrauch untypisch hoch für einen Haushalt war und die Beamten vermuteten, er würde Marijuana anbauen.

Die Zukunft von Bitcoin

Die Schwankungen der letzten Tage (Kurs $32 am 8.6., $10 kurzzeitig am 12.6., dann rund $20) haben sicherlich einige davon abgeschreckt, in Bitcoins zu investieren. Noch weiß niemand, wie sich die Währung entwickeln wird, ob man damit irgendwann tatsächlich mal mehr als Alpaka-Socken und T-Shirts kaufen kann. Aber in der Vergangenheit gab es bereits eine drastische Entwicklung (der Kurs lag Mitte April noch bei $1!), daher gehen viele davon aus, dass Bitcoin aufgrund der inhärenten Knappheit mittelfristig noch weiter zulegen wird. Wenn dann erstmal viele Onlineshops auch Bitcoins akzeptieren, kann man sie auch bestimmungsgemäß benutzen, bis dahin bleibt es eher ein Investment. Allerdings sollte vielleicht nicht jeder gleich sein ganzes Vermögen in Bitcoins tauschen, wie Piratenparteigründer Rickard Falkvinge. Jedenfalls scheint die Idee einer dezentral verwalteten Währung, die ohne Banken und Staatseingriffe auskommt, hoch attraktiv. Für die bestehenden Strukturen könnte sie dagegen gefährlich werden, so warnt der Bundesverband digitale Wirtschaft e.V. seine Mitglieder davor, Bitcoins als Zahlungsmittel zu akzeptieren, da sie ein staatliches Verbot erwarten. Inwiefern dies bei einer weitgehend anonymen und dezentralen Währung umsetzbar ist, steht auf einem anderen Blatt. Durch die Möglichkeit des Verbots von Umtauschplattformen oder anderweitige staatliche Sanktionen bleibt dennoch ein Risiko, das jeder Benutzer für sich selbst abwägen muss.

Es bleibt jedenfalls spannend, die Entwicklung von Bitcoin zu beobachten. Vielleicht stehen wir wirklich an der Schwelle einer Revolution der Art und Weise, wie Zahlungen im Internet ablaufen.